Wie Materialien in Archiven geordnet, beschrieben und kategorisiert werden und wer Zugang dazu hat, hängt auch mit gesellschaftlichen Normen und historischen Machtverhältnissen zusammen. Die Abendveranstaltung befasst sich aus künstlerischer, gesellschaftspolitischer und wissenschaftlicher Perspektive und anhand konkreter Archivmaterialien mit Widerständigkeiten im Archiv, mit einem Fokus auf Zugang und Zugänglichkeit.
Archive bewahren vielfältige Dokumente. In Archiven sozialer Bewegungen erzählen persönliche Korrespondenzen von Sorgen und Träumen, lassen Manuskripte Denkprozesse und Zweifel erkennen, dokumentieren Flyer, Plakate und Zines individuelles und kollektives Handeln. Doch was im Archiv sichtbar und zugänglich wird, entscheidet sich nicht allein an den überlieferten Materialien, sondern auch in der archivischen Praxis: Mitarbeitende in Archiven ordnen, beschreiben, kategorisieren und gestalten Zugänge.
Diese Archivpraktiken haben eine Geschichte. Ordnungslogiken und Konventionen sind eng mit staatlichen und institutionellen Formen der Wissensorganisation verbunden. Die darin eingeschriebenen Normen können den vielfältigen Spuren, die Archive bewahren, durchaus in die Quere kommen. Biografien, Zugehörigkeiten und soziale Bewegungen halten sich selten an eindeutige Kategorien von Gender oder Sprache oder an nationale Grenzen. Zugleich prägen historische Machtverhältnisse, ob und von wem Dokumente gesammelt und überliefert werden, wie Materialien beschrieben werden und wer darin als handelndes Subjekt sichtbar wird.
In der Arbeit von LIESELLE – queerfeministisches Archiv und Bibliothek – und des Alice Salomon Archivs manifestieren sich diese Aspekte sehr konkret: Eine Archivsoftware erkennt beispielsweise türkische Buchstaben nicht. Schlagwörter und historische Materialien enthalten diskriminierende Begriffe. Zeitschriften, die in Fārsi verfasst sind, wurden entgegen der Leserichtung mit Signaturen versehen. Historische Texte bedienen kolonialrassistische und eugenische Diskurse, was in den bisherigen Rechercheinstrumenten unkommentiert geblieben sind. Diese vermeintlich kleinen Beobachtungen sind in größere Fragestellungen eingebettet: Welche Vorstellungen von Sprache, Zugehörigkeit und Normalität schreiben sich in Archivpraktiken ein? Wer kann Materialien finden und nutzen? Wie kann es gelingen, problematische Überlieferungen zugänglich zu machen, ohne ihre Gewalt zu reproduzieren? Und wie können Archive ihre eigenen Ordnungen und institutionellen Geschichten kritisch befragen?
Die Veranstaltung widmet sich diesen Fragen aus künstlerischer, gesellschaftspolitischer und wissenschaftlicher Perspektive. In unterschiedlichen Inputs gehen Vortragende und Teilnehmende anhand konkreter Archivmaterialien der Frage nach kleinen und großen Widerständigkeiten im Archiv nach. Besonderes Augenmerk legt die Diskussionsveranstaltung dabei auf die Praxis von Zugang und Zugänglichkeit.
Die Veranstaltung wird gemeinsam organisiert von Prof. Tahani Nadim (College for Social Sciences and Humanities), LIESELLE – queerfeministisches Archiv und Bibliothek, und Alice Salomon Archiv der ASH Berlin.