• Tagung

Sensorische Re-Situierungen: Die Sinne in techno-ökologischer Veränderung

11.–12. Juni 2026 | College for Social Sciences and Humanities, Essen

Tagung in Kooperation der Sektionen Soziologische Theorie und Soziologie des Körpers und des Sports der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

Wie riecht und schmeckt Klimawandel? Die Tagung befasst sich damit, wie sich technologischer und ökologischer Wandel auf die Sinne auswirken und welche Neukonzeptionen von Körpern und Sozialität dies notwendig macht. Die Beiträge beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven auch die Frage, wie sich Sinneskonstellationen in Interaktion mit digitalen Technologien verändern.

collage with a photo of an underwater robot with sensors

In der klassischen Aufzählung der Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten – haben Sehen und Hören lange eine Vorrangstellung eingenommen. Die sogenannten „niederen Sinne“ (Georg Simmel) wie Riechen, Schmecken und Fühlen – und andere Sinne wie der Temperatursinn (Thermozeption), der Gleichgewichtssinn oder der Bewegungssinn (Vestibular- und Propriozeption) – wurden oft abgewertet bzw. übersehen, sowohl in gesellschaftlichen Sinneshierarchien als auch in der soziologischen Theorie. Meist wurden die Sinne dabei in binären Schemata klassifiziert: als Nah- versus Fernsinne, als körperlich versus kognitiv verankert oder als „höhere“ versus „niedrigere“ Fähigkeiten des menschlichen Körpers.

Dagegen mehren sich seit einiger Zeit sozial- und kulturwissenschaftliche Zugänge, die diese Hierarchien kritisch befragen und das Sensorium als Ganzes adressieren (Ong 2000; Howes 2006; Vannini et al. 2012; Mondada 2021). Insbesondere das interdisziplinäre Feld der „Sensory Studies“ hat dazu beigetragen, Sinnlichkeit jenseits klassischer Dualismen (Subjekt / Körper, Körper / Umwelt, Kultur / Natur, aktiv / passiv) zu konzipieren. Dabei kommt auch den traditionell vernachlässigten Sinnen neue Aufmerksamkeit zu: Unterschiedliche Studien haben sich dem Riechen und Schmecken (Corbin 1982; Fine 1995; Liberman 2022; Mondada 2024a, b), der Berührung und Bewegung (Classen 2005; Paterson 2007; Potter 2008; Meyer / Wedelstaedt 2018; Uzarewicz 2023) oder der Thermozeption (Ong 2012; Allen-Collinson / Hockey 2018; Beregow 2025) zugewandt.

Die Tagung knüpft an diese neueren Ansätze an. Im Zentrum steht dabei eine Re-Situierung der Sinne im Lichte technologischer und ökologischer Transformationen. Soziotechnische Entwicklungen wie Sensorik, Robotik, Künstliche Intelligenz (KI) und Virtual Reality (VR), aber auch ökologische Krisenphänomene – z.B. Hitzewellen, Luft- und Lichtverschmutzung – stellen die Sozialität des Sinnlichen vor neue Bedingungen. Neben (neo-)phänomenologischen, wissenssoziologischen, praxeologischen, interaktionssoziologischen und ethnomethodologischen Denkrichtungen bieten auch die Science and Technology Studies (STS) wichtige Perspektiven und Ansätze, um zu erforschen, wie sich techno-ökologische Veränderungen auf sinnliche Erfahrungen, Körperkonzepte und Sozialität auswirken. Die Beiträge im Rahmen der Tagung beleuchten und diskutieren unter anderem folgende Fragen: 

  • Was bedeutet es für unser Verständnis von Interaktion, diese nicht primär kognitivistisch vom Sinn her zu denken, sondern von der Materialität der Sinne? 
  • Welche neuen sensorischen Beziehungen entstehen durch maschinelle bzw. hybride Wahrnehmungsformen etwa durch Sensoren oder KI? 
  • Welche Rolle spielen der Körper und seine Wahrnehmungen bei der Konstruktion von Gebäuden und Infrastruktur zur Klimatisierung?
  • Wie verändern ökologische Krisenphänomene die metabolischen und affektiven Austauschbeziehungen – wie riecht und schmeckt Klimawandel? Welche (neuen) Sinnes-Politiken entstehen dabei, und wie erzeugen und reproduzieren diese soziale Differenzen?

Programm

11:00

Begrüßung und Einleitung
Elena Beregow & Lisa Wiedemann

11:20   KEYNOTE I

Cripping environments. Zur Notwendigkeit sensorisch-technologischer Reparaturen von Umgebungen
Hanna Göbel (Hamburg)

Moderation: Elena Beregow

12:20

Mittagspause

13:00   PANEL 1
Phänomenologie und situierte Sinnlichkeit

Moderation: Ulf Bohmann

13:00
Soziologie als Fudologie? Die Phänomenologie sinnlicher Situierung bei Watsuji Tetsuro
Martin Repohl (Kyoto)

13:40
Die soziale Bedeutung der Sinne unter Flugangst – phänomenologisch betrachtet
Pao Nowodworski (Dortmund)

14:20

Kaffeepause

14:40   PANEL 2
Sensorische Umwelten und Infrastrukturen

Moderation: Elena Beregow

14:40 
Multisensorialität in der Gebäudeplanung: Zur Relevanz des Körpers bei der Konstruktion klimaangepasster Raumarchitekturen
Marie Marleen Heppner (Dortmund) & Ajit Singh (Duisburg-Essen)

15:20
Die Fabrikation von Frische. Zur sozio-technischen Herstellung sensorischer Qualität in Kühlhäusern
Celina Böhmer (Frankfurt/Main), Alexander Friedrich (Darmstadt) & Alina Wandelt (Essen)

16:00
Wie kommt der Geschmack in die Maschine? Sensorische Medialität elektronischer Nasen und Zungen 
Felix Hüttemann (Bonn)

16:40

Kaffeepause 

17:05   PANEL 3
Gustatorische Praxis und Ökologie

Moderation: Katharina Block

17:05
Der Geschmack von Milch, oder: Re-Situierung sensorischer Praxis an der Schnittstelle biografischer und sozial-ökologischer Krisen
Dominik Gerst (Leipzig)

17:45
Terroir im Klimawandel – Die Bedeutung sinnlicher Praktiken im Weinbau
Malte Grunicke (Frankfurt/Main)

18:20

Abschluss Tag 1

19:00

Abendessen

9:00

Ankommen

9:15   KEYNOTE II

Gespür und Geschmack. Zur technischen Vermittlung sinnlicher Praxis
Cornelius Schubert (Dortmund)

Moderation: Lisa Wiedemann

10:15

Kaffeepause

10:35   PANEL 4
Technologische Rekonstruktionen der Sinne 

Moderation: Babette Kirchner

10:35
Fühlende Körper im Labor. Das Materialisieren des Fühlens in technische Komponenten
Marie Großmann (Mainz) & Andreas Bischof (Chemnitz)

11:15
„Wir wissen nicht, was in den Probanden vor sich geht“. Re-Situierung sensibler Körper in neurotechnologischer Forschung
Marc Strotmann (Hamburg)

11:50

Kaffee und Sandwiches

12:30   PANEL 5
Sensorische Irritationen und Unterbrechungen

Moderation: Lisa Wiedemann

12:30
Sensing Disruption – Zur sinnlichen Wahrnehmung digitaler Netzwerke und ihrer Unterbrechung
Lea Zierott (Hamburg)

13:05
Situative Härtegrade entlang menschlicher Körpergrenzen: Eine empirisch-theoretische Annäherung
Liah Förster (Mainz)

13:40

Wrap-up
Clemens Eisenmann & Ulf Bohmann

14:00

Ende der Tagung

Anmeldung

Veranstaltungsort

College for Social Sciences and Humanities, Essen

Adresse und Anfahrt

Organisator*innen

© © UDE / Fabian Strauch

Prof. Elena Beregow

Junior Professor | Research Group 'Sweat - Sociology of Transpiration in the Age of Global Warming'

Phone: +49 201 183 65 66

E-mail:

Elena Beregow studied sociology in Göttingen, Hamburg, and Copenhagen and completed her PhD at the University of Hamburg with a dissertation on thermal figures in social theory, focusing on fermentation as both a sociological concept and a material practice. From 2020 to 2025 she was a postdoctoral researcher at the University of the Bundeswehr Munich. Her research is situated at the intersection of sociological theory and cultural sociology, with a particular interest in the sociology of the senses, metaphors, microbes, and the social dimensions of temperature. She also explores sociological writing and theorising, as well as pop culture, affects, and atmospheres.

Ko-Organisator*innen

Katharina Block und Ulf Bohmann (für den Vorstand der Sektion Soziologische Theorie)

Clemens Eisenmann, Babette Kirchner, Ajit Singh und Lisa Wiedemann (Vorstand der Sektion Soziologie des Körpers und des Sports)