Wie riecht und schmeckt Klimawandel? Die Tagung befasst sich damit, wie sich technologischer und ökologischer Wandel auf die Sinne auswirken und welche Neukonzeptionen von Körpern und Sozialität dies notwendig macht. Die Beiträge beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven auch die Frage, wie sich Sinneskonstellationen in Interaktion mit digitalen Technologien verändern.
In der klassischen Aufzählung der Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten – haben Sehen und Hören lange eine Vorrangstellung eingenommen. Die sogenannten „niederen Sinne“ (Georg Simmel) wie Riechen, Schmecken und Fühlen – und andere Sinne wie der Temperatursinn (Thermozeption), der Gleichgewichtssinn oder der Bewegungssinn (Vestibular- und Propriozeption) – wurden oft abgewertet bzw. übersehen, sowohl in gesellschaftlichen Sinneshierarchien als auch in der soziologischen Theorie. Meist wurden die Sinne dabei in binären Schemata klassifiziert: als Nah- versus Fernsinne, als körperlich versus kognitiv verankert oder als „höhere“ versus „niedrigere“ Fähigkeiten des menschlichen Körpers.
Dagegen mehren sich seit einiger Zeit sozial- und kulturwissenschaftliche Zugänge, die diese Hierarchien kritisch befragen und das Sensorium als Ganzes adressieren (Ong 2000; Howes 2006; Vannini et al. 2012; Mondada 2021). Insbesondere das interdisziplinäre Feld der „Sensory Studies“ hat dazu beigetragen, Sinnlichkeit jenseits klassischer Dualismen (Subjekt / Körper, Körper / Umwelt, Kultur / Natur, aktiv / passiv) zu konzipieren. Dabei kommt auch den traditionell vernachlässigten Sinnen neue Aufmerksamkeit zu: Unterschiedliche Studien haben sich dem Riechen und Schmecken (Corbin 1982; Fine 1995; Liberman 2022; Mondada 2024a, b), der Berührung und Bewegung (Classen 2005; Paterson 2007; Potter 2008; Meyer / Wedelstaedt 2018; Uzarewicz 2023) oder der Thermozeption (Ong 2012; Allen-Collinson / Hockey 2018; Beregow 2025) zugewandt.
Die Tagung knüpft an diese neueren Ansätze an. Im Zentrum steht dabei eine Re-Situierung der Sinne im Lichte technologischer und ökologischer Transformationen. Soziotechnische Entwicklungen wie Sensorik, Robotik, Künstliche Intelligenz (KI) und Virtual Reality (VR), aber auch ökologische Krisenphänomene – z.B. Hitzewellen, Luft- und Lichtverschmutzung – stellen die Sozialität des Sinnlichen vor neue Bedingungen. Neben (neo-)phänomenologischen, wissenssoziologischen, praxeologischen, interaktionssoziologischen und ethnomethodologischen Denkrichtungen bieten auch die Science and Technology Studies (STS) wichtige Perspektiven und Ansätze, um zu erforschen, wie sich techno-ökologische Veränderungen auf sinnliche Erfahrungen, Körperkonzepte und Sozialität auswirken. Die Beiträge im Rahmen der Tagung beleuchten und diskutieren unter anderem folgende Fragen:
Begrüßung und Einleitung
Elena Beregow & Lisa Wiedemann
Cripping environments. Zur Notwendigkeit sensorisch-technologischer Reparaturen von Umgebungen
Hanna Göbel (Hamburg)
Moderation: Elena Beregow
Mittagspause
Moderation: Ulf Bohmann
13:00
Soziologie als Fudologie? Die Phänomenologie sinnlicher Situierung bei Watsuji Tetsuro
Martin Repohl (Kyoto)
13:40
Die soziale Bedeutung der Sinne unter Flugangst – phänomenologisch betrachtet
Pao Nowodworski (Dortmund)
Kaffeepause
Moderation: Elena Beregow
14:40
Multisensorialität in der Gebäudeplanung: Zur Relevanz des Körpers bei der Konstruktion klimaangepasster Raumarchitekturen
Marie Marleen Heppner (Dortmund) & Ajit Singh (Duisburg-Essen)
15:20
Die Fabrikation von Frische. Zur sozio-technischen Herstellung sensorischer Qualität in Kühlhäusern
Celina Böhmer (Frankfurt/Main), Alexander Friedrich (Darmstadt) & Alina Wandelt (Essen)
16:00
Wie kommt der Geschmack in die Maschine? Sensorische Medialität elektronischer Nasen und Zungen
Felix Hüttemann (Bonn)
Kaffeepause
Moderation: Katharina Block
17:05
Der Geschmack von Milch, oder: Re-Situierung sensorischer Praxis an der Schnittstelle biografischer und sozial-ökologischer Krisen
Dominik Gerst (Leipzig)
17:45
Terroir im Klimawandel – Die Bedeutung sinnlicher Praktiken im Weinbau
Malte Grunicke (Frankfurt/Main)
Abschluss Tag 1
Abendessen
Ankommen
Gespür und Geschmack. Zur technischen Vermittlung sinnlicher Praxis
Cornelius Schubert (Dortmund)
Moderation: Lisa Wiedemann
Kaffeepause
Moderation: Babette Kirchner
10:35
Fühlende Körper im Labor. Das Materialisieren des Fühlens in technische Komponenten
Marie Großmann (Mainz) & Andreas Bischof (Chemnitz)
11:15
„Wir wissen nicht, was in den Probanden vor sich geht“. Re-Situierung sensibler Körper in neurotechnologischer Forschung
Marc Strotmann (Hamburg)
Kaffee und Sandwiches
Moderation: Lisa Wiedemann
12:30
Sensing Disruption – Zur sinnlichen Wahrnehmung digitaler Netzwerke und ihrer Unterbrechung
Lea Zierott (Hamburg)
13:05
Situative Härtegrade entlang menschlicher Körpergrenzen: Eine empirisch-theoretische Annäherung
Liah Förster (Mainz)
Wrap-up
Clemens Eisenmann & Ulf Bohmann
Ende der Tagung
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© UDE / Fabian Strauch
Prof. Elena Beregow
Junior Professor | Research Group 'Sweat - Sociology of Transpiration in the Age of Global Warming'
Phone: +49 201 183 65 66
E-mail: elena.beregow@college-uaruhr.de
Elena Beregow studied sociology in Göttingen, Hamburg, and Copenhagen and completed her PhD at the University of Hamburg with a dissertation on thermal figures in social theory, focusing on fermentation as both a sociological concept and a material practice. From 2020 to 2025 she was a postdoctoral researcher at the University of the Bundeswehr Munich. Her research is situated at the intersection of sociological theory and cultural sociology, with a particular interest in the sociology of the senses, metaphors, microbes, and the social dimensions of temperature. She also explores sociological writing and theorising, as well as pop culture, affects, and atmospheres.
Katharina Block und Ulf Bohmann (für den Vorstand der Sektion Soziologische Theorie)
Clemens Eisenmann, Babette Kirchner, Ajit Singh und Lisa Wiedemann (Vorstand der Sektion Soziologie des Körpers und des Sports)